Das Gespräch führte Raphaela Kirschnick
Du führst gemeinsam mit deiner Schwester Mira die Wild Beauty GmbH in zweiter Generation. Welche neuen Wege hast Du eingeschlagen?
Noah Wild: Wichtig ist ja sich nicht über das zu definieren, was man anders macht, sondern über das, was man richtig macht. Mein Vater hat sehr vieles richtig gemacht und würde heute sicher vieles auch anders machen.
Meine Schwester und ich sind sicher viel digitalisierter als mein Vater. Er hat in seinem Leben nie eine E-Mail geschrieben, aber das ist eine andere Generation. Zeiten ändern sich und man muss sich immer wieder in Frage stellen und auch neu finden, muss aber dabei Grundlinien treu bleiben. Und ich finde, das machen wir gut.
„Wenn es dem Friseur nichts nützt, dann machen wir es nicht.“
Was ist eure Grundlinie?
NW: Wir müssen uns bei allem die Frage stellen: Was nützt es dem Friseur? Wenn wir darauf keine Antwort finden, dann machen wir es erst gar nicht. Von Anfang an ging es uns um Friseurexklusivität und das ist unser Nordstern, an dem wir uns orientieren.
„Wie hätte mein Vater das emotional und mental verkraftet?“
Dein Vater (Reinhold Wild) ist 2017 verstorben. Welche Fragen würdest Du heute Deinem Vater stellen?
NW: Als mein Vater das Unternehmen gegründet hatte, ging es uns auch nicht dolle. Ich kann mich erinnern, als unsere Mutter vorm EC-Automaten stand und kein Geld bekam, damals war ich noch ein kleiner Bub.
Im Lockdown haben wir als Firma nur Geld ausgegeben, nichts eingenommen. Das war für mich emotional sehr schwierig. Du hast deine Verantwortung für über 100 Leute und siehst das Konto jeden Tag leerer werden. Mich hat das fertig gemacht. Mich würde sehr interessieren, wie mein Vater das verkraftet hätte, emotional, aber auch mental und wie er damit umgegangen wäre.
Was glaubst du hätte er gemacht?
NW: Ich glaube, er hätte die Klagen noch ein Ticken früher eingereicht als ich. Er war immer jemand, der auch mal auf Rabau aus war. Mit Bürokraten Apparatschiks konnte er gar nicht, er hätte sich gewehrt.
Eine Stärke, die du von deinem Vater hast?
NW: Was ich bei meinem Vater immer top fand, er hat sich nie zu wichtig genommen. Er war immer sehr meinungsfreudig, war sich aber auch nicht zu schade, seine Meinung wieder zu ändern. Dadurch war er entscheidungsfreudig, konnte in jeder Lage auch korrigieren. Gesichtsverlust kannte er nicht. Und ich versuche das ebenso durchzuziehen.
Yours Truly ist das erste große Eigenprodukt von Wild Beauty. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?
NW: Seit den 60er Jahren wurden hunderte Millionen in Verkaufstrainings investiert, der Verkaufsanteil der Branche ist aber immer gleichgeblieben. Es wurde immer an den Symptomen rumgedoktert, aber nie an die Ursachen herangegangen. Wir brauchen neue Geschäftsmodelle.
„Wir müssen raus aus dieser Vergleichbarkeitsfalle und etwas Neues schaffen,…“
Ein neues Geschäftsmodell wie Yours Truly?
NW: Wir wollen nicht noch mehr Produkte ins Regal stellen. Wir können doch nicht sagen ‚Yeah‘, wir machen jetzt ein Shampoo, wo Noah Wild draufsteht.
Es gibt keine Knappheit an Shampoos im Markt. Wir müssen raus aus dieser Vergleichbarkeitsfalle und etwas Neues schaffen, was zu dem passt, was der Friseur schon immer macht: Er personalisiert Schnitte und Haarfarbe. Mit Yours Truly personalisiert er auch die Pflege.
„Personalisierung ist ein Megatrend, das sollte ein fixes Segment in der Branche werden.“
Mit welchen Herausforderungen seid ihr konfrontiert?
NW: Wir müssen etwas kreieren, was der Kunde woanders nicht bekommen kann. Personalisierung ist ein Megatrend, das sollte ein fixes Segment in der Branche werden. Darin sehe ich eine Megachance.
In Foren höre ich immer wieder so doofe Kommentare wie ‚Haare wachsen immer‘! Darauf ruhen sich dann alle aus, das ist gefährlich.
Nimm die Personenbeförderung: Ein Taxifahrer hätte gerne gewusst, dass Uber als Geschäftsmodell kommt.
Wie ist das Feedback der Friseure?
NW: Das ist ein dickes Brett, das man da bohrt. Wir verkaufen etwas, ohne es in die Hand zu geben. Einige Salons sind damit super erfolgreich, andere verstehen es nicht. Wir schaffen ein Erlebnis vor Ort, um aufgrund dessen, die Produkte nach Hause geschickt zu bekommen. Das Potential ist enorm.
Eine erste Bilanz?
NW: Wir haben im Herbst 2021 mit einem Softlaunch begonnen und haben seitdem 2.000 Produktsets produziert. Es gibt bereits 15.000 ausgefüllte Fragebögen. Damit bin ich sehr zufrieden. Bisher gibt es knapp 70 Salonpartner. Jetzt beginnen wir so richtig mit der Vermarktung.