Unter anderem vernimmt man derzeit aus unterschiedlichen Parteizentralen das Anliegen, diverse Gewerbe, nach dem Vorbild anderer Länder, in freie Gewerbe umzuwandeln – darunter auch die Friseurbranche. Das würde in Zukunft auf den ersten Blick viele Formalien ersparen, aber wollen wir das wirklich? Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen!
Zunächst stellt sich die Frage: „reglementiert“ oder „frei“, was bedeutet das überhaupt? Seit wir denken können ist das traditionelle Friseurwesen ein reglementiertes Gewerbe. Die Wandlung zum freien Gewerbe würde eben genau das heißen: weniger Regeln und weniger Bürokratie als bisher. Aber was sich zunächst so gut anhört, bringt einige gravierende Auswirkungen mit sich, die wir uns bewusst machen sollten. Ein Blick in die Gewerbeordnung hilft! Diese unterscheidet in Österreich grundsätzlich zwischen den beiden Gewerbearten, die in einer bundeseinheitlichen Liste festgelegt sind. Kurz gesagt: um ein reglementiertes Gewerbe betreiben zu dürfen, muss man allgemeinen Bedingungen erfüllen und einen zusätzlichen Befähigungsnachweis, wie zum Beispiel den Meisterbrief, vorweisen können. Für freie Gewerbe, wie zum Beispiel Berufsfotografen, Werbegrafiker oder PR-Berater, entfällt diese Vorgabe, sobald die generellen Voraussetzungen erfüllt sind.
Welche möglichen Konsequenzen die Umwandlung für die Branche hätte, hat imSalon für Euch aufgeschlüsselt:
1. Wegfall des Befähigungsnachweises:
Ohne langjährige, formale Ausbildungen, würde der Zugang zum Beruf erheblich erleichtert werden. Saloneröffnungen wären dann auch ohne Meisterbrief, oder entsprechende Qualifikationen möglich.
2. Steigerung der Unternehmensgründungen:
Mit der Vereinfachung würde die Anzahl der Unternehmensgründungen rasant ansteigen und damit zu einem härteren Wettbewerb führen.
3. Qualitäts- und Sicherheitsbedenken:
Da der Anspruch an Qualifikationen und Prüfungen entfällt, könnten unerfahrene, ungelernte Personen ohne Ausbildung tätig werden - ein echtes Sicherheitsrisiko für den Kunden, da Friseure als körpernahe Dienstleister mit Chemikalien und Werkzeugen, wie scharfen Messern und Scheren arbeiten. Eine Zunahme von Beschwerden über mangelnde Fachkenntnis oder Hygiene ist vorprogrammiert – die Verunsicherung bei den wäre Kunden groß.
4. Wirtschaftliche Auswirkungen:
- Mehr Wettbewerber führen zu sinkenden Preisen. Was auf der einen Seite ein kurzfristiger Vorteil für den Kunden ist, gefährdet langfristig gesehen die Profitabilität der Salons, die derzeit schon mit hohen Lohnneben-, Materialkosten und explodierenden Energiepreisen zu kämpfen haben.
- Eine höhere Anzahl von Einzelunternehmen und Kleinunternehmern könnte kurzfristig für höhere Steuereinnahmen sorgen, bedeutet aber auch, dass es noch weniger kontrollierte Unternehmen unter der Bemessungsgrundlage gäbe.
- Es entstünde eine Wechselwirkung mit der Kleinunternehmerregelung. Denn diesteigende Anzahl von Unternehmen, die unter die Bemessungsgrenze von 35.000 Euro fallen sorgt dafür, dass diese Preisvorteile umsetzen können, weil sie keine 20% Umsatzsteuer aufschlagen müssen.
- Die Tariflöhne wären von der Regulierung unabhängig.
5. Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung:
Die Vereinfachung wäre ebenso ein noch größeres Eintrittstor für Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung, die aktuell schon massiv sind. Auch das Price Dumping würde zu einer noch stärkeren Verlagerung von Arbeitsverhältnissen hin zu Schwarzarbeit führen, was außerdem negative steuerliche Auswirkungen hätte.
6. Weniger Anreize für Ausbildung:
Die Anzahl der aktuell 990 Lehrbetriebe (10% der Gesamtanzahl der Betriebe, Stand 31.12.2023, WKO 2024), und Salons, die in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren, würde schwinden, da die Anreize fehlen – ein Todesstoß für die duale Ausbildung.
7. Innovation und Flexibilität:
Eine Öffnung des Gewerbes aber auch zu mehr Flexibilität und Innovation bedeuten. Neue Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel spezialisierte Dienstleistungen, mobile Friseurservices oder auch Co-Working-Spaces wären leichter umzusetzen.
8. Gesellschaftliche und politische Auswirkungen:
Eine Polarisierung der Branche wäre unausweichlich (Price Dumping vs. Premiumsegment). Es entstünde eine soziale Ungerechtigkeit und damit Spannungen in der Branche. Die Existenz von langjährig tätigen Friseuren und Meisterbetriebe wäre gefährdet, Fachkräfte würden vom Markt verdrängt werden, was negative Auswirkung auf eine faire Bezahlung mit sich zieht.