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Credit: Jasmin Breidenbach

30.01.2026

„Ich war die Abhängigkeit von Mitarbeitern leid“

Nico Rapp hatte genug vom klassischen Salon-Chef-Dasein. Jetzt führt er in München 3 Stuhlmiete-Salons mit insgesamt 35 Stuhlmietenden. Er erzählt, was es braucht, um auf Stuhlmiete umzurüsten und erklärt, warum er ein Stuhlmiete-Stipendium ausschreibt.

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Juliane Krammer im Gespräch mit Stuhlmiete-Salon Gründer Nico Rapp (NICNOA & Co)

Du führst drei Stuhlmiete-Salons in München. Wie kam es dazu?
Nico Rapp:
Gemeinsam mit meiner Schwester eröffnete ich 2011 einen Salon. Das stellte sich nach drei Jahren als immense Herausforderung dar: Wir fanden keine Mitarbeiter, krankheitsbedingt konnte ich nicht mehr vor Ort sein und meine Schwester war schwanger. Es musste eine andere Möglichkeit geben, die funktionierte.

Stand hier schon die Gründung eines Stuhlmiete-Salons im Raum?
NR
: Ich habe damals eine Pause in der Friseurbranche eingelegt und war kurzzeitig in der IT tätig. Nebenbei perfektionierte ich den Businessplan für einen Co-Working Space und führte anschließend Gespräche mit Firmen, die ich zum Investment animieren wollte.

Und …?
NR:
Viele hatten Angst vor Scheinselbstständigkeit und glaubten nicht an Stuhlmiete-Konzepte. Keiner hatte Lust zu investieren und so startete ich 2020 meinen ersten Salon, kleiner als geplant, mit 7 Plätzen. Das funktionierte! 2023 und 2024 folgten die zwei weiteren Dependancen in München.  

Wer mietet sich bei euch ein?
NR:
Wir haben junge Friseurmeister, die sich direkt nach der Meisterschule selbstständig machen, ihr Business aufbauen und deswegen noch nebenbei z.B. in der Gastro arbeiten. Diese Personen sind für 2 Tage/Woche eingemietet. Dann haben wir Friseure, mit treuem Kundenstamm, die sich 4 Tage/Woche einbuchen. Und es gibt Co-Worker, die mehrere Salons führten und sich im Alter fürs Verkleinern entschieden haben. Es ist ein kunterbunter Haufen von 20-70 Jahren.

Wie viele Stuhlmiete-Plätze hast du in deinen 3 Salons?
NR:
Insgesamt gibt es 31 Plätze, 2 davon sind für kosmetische Behandlungen eingerichtet. 35 Personen sind eingemietet. Unsere individuellen Mietmodelle ermöglichen mehr Stuhlmieter als Stühle zu haben, dann kann auch halbtags ein Stuhl gemietet werden. Dementsprechend teilen sich Co-Worker einen Arbeitsplatz.

Wie lange bleiben Stuhlmietende bei euch im Durchschnitt eingemietet?
NR:
Im Branchenvergleich gibt es kaum Fluktuation. Teilweise sind Co-Worker seit 5 Jahren mit dabei, andere gingen nach 3, aber in Summe sind unsere Stuhlmieter treu. Sonst hätte NICNOA auch nicht so schnell wachsen können.

"Wenn du von einem Friseur-Salon auf Stuhlmiete umrüsten willst, musst du dein Chef-Gehabe ablegen."

Hast du dein Friseurdasein komplett an den Nagel gehängt?
NR:
Ich konzentriere mich auf NICNOA, kümmere mich um alles Organisatorische, Marketing und gebe Co-Working Space Seminare. So ein Business aufzuziehen ist nicht so einfach: Es kommt darauf an, wie hoch die Mieten sind, man muss eine Community gründen, ... Wenn du von einem Friseur-Salon auf Stuhlmiete umrüsten willst, musst du dein Chef-Gehabe ablegen.

Wie war das bei dir?
NR:
Ich musste auch mit mir kämpfen und meine Rolle als Stuhlvermieter zu finden. Du machst einen Laden auf, steckst Geld rein, dann ist die Eröffnung und eigentlich bist du nicht Teil davon, sondern die anderen.

"... forderten viele Bewerber beim Kennenlerngespräch neben der Entlohnung „Schwarzgeld“, weil sie es vom alten Salon so gewohnt waren."

Reizt es dich, doch noch einmal mit einem klassischen Friseur-Salon zu starten?
NR:
Ich habe mich ganz klar für das Stuhlmiete-Konzept entschieden. Abgesehen von der leidigen Abhängigkeit der Mitarbeiter-Suche, forderten viele Bewerber beim Kennenlerngespräch neben der Entlohnung „Schwarzgeld“, weil sie es vom alten Salon so gewohnt waren. Da war ich immer streng dagegen, weil ich ein sauberes Unternehmen aufbauen wollte. Dann nahm ich Friseurinnen auf, die ich aber ausbilden musste und nach dem Workshop waren sie wieder weg. Hinzu kam, dass Mitarbeiter nicht mehr samstags oder bis 20 Uhr arbeiten wollten.
Ich war damals auch ein unerfahrener Chef, aber die ganze Mitarbeiter-Situation hat mich völlig unter Druck gesetzt. Mein Ziel war, ein Unternehmen so rentabel zu führen, dass ich meine Mitarbeiter zahlen, aber mich rausnehmen kann und mit einem klassischen Salon war das nicht möglich.

Deine Business-Lösung war also einen Stuhlmiete-Salon umzusetzen?
NR:
Leute sind nur, wenn es um ihren eigenen Profit geht, bereit, flexibel zu sein. Ich wollte eine Win-Win Situation für mich, aber auch für Friseure schaffen. In München einen Salon aufzumachen ist schwer: Man muss die Finanzierung bekommen, einen Businessplan schreiben, die Location so einrichten, dass das mit dem vorhandenen Budget funktioniert. Ich wollte Selbstständig-sein einfach machen: Plug and Play! Zum Beispiel bei Produkten: Unsere Stuhlmieter können Farbe einzeln kaufen und müssen nicht erst 300 Tuben kaufen, weil man gezwungen wird, das ganze Portfolio abzunehmen und plötzlich sind 3.000 Euro weg.

Du bietest ein neues Konzept, willst dem Friseur-Image einen Push geben, aber wo bleibt der Nachwuchs in diesem Wandel?
NR
: Hier in München gibt es zwei große Salons, mit einem Konzept, das stark auf Azubis liegt. Ich wiederum fokussiere mich klar auf eine Zielgruppe, die raus aus dem Angestelltenverhältnis in die Eigenverantwortung will: Friseure, die nach der Ausbildung direkt die Meisterschule absolvieren. Wir sind die Schnittstelle, die das Space ermöglichen, dass du frei und in deinem Tempo und mit deiner Auslastung arbeiten kannst.

"Es muss eine Revolution stattfinden."

Wie war deine Ausbildung?
NR:
Meine Ausbildung war vor 20 Jahren und seither hat sich nichts geändert. Ich hoffe, die Personen, an den wichtigen Stellen, erkennen, dass die aktuelle Ausbildung nicht das Nonplusultra ist. Es gibt andere Wege, Leute in drei Jahren auf ein sehr gutes Level zu bringen. Ich richte das an die Innung, an die ganzen Verbände: Es muss eine Revolution stattfinden. Den Friseur erstmal ein Jahr lang kehren und Haare waschen zu lassen, macht null Sinn. Diesen Beruf lernt man erst, wenn man ihn macht und Step by Step die Technik beigebracht bekommt.

Ich habe gesehen, ihr bietet ein Stuhlmiete-Stipendium an …
NR:
Wir wollen junge Meister unterstützen, in die Selbstständigkeit zu gehen. Man kann sich online anmelden, ein paar Fragen beantworten, Arbeiten zeigen und mit etwas Glück gibt es drei Monate kostenlos Stuhlmiete von uns. Obendrauf kommt ein Education-Paket für ein Seminar. Es gibt Geld für neue Tools, Unterstützung von einer Grafikerin und außerdem eine komplette Beratung für die ersten Schritte in die Selbstständigkeit, um einen Kundenstock aufzubauen, den Cashflow richtig zu nutzen und um sich weiterzuentwickeln.  

Welche Voraussetzung müssen deine Stuhlmietenden erfüllen?
NR:
Es gibt im Vorhinein ein persönliches Gespräch und mir ist wichtig, dass kein Preisdumping stattfindet. Jeder kann selbst entscheiden, wie er seine Preise macht, aber es gibt Grenzen und so kann ich dazu beitragen, das Friseurhandwerk zu schützen. Außerdem sind zu günstige Preise nicht rentabel. Das müssen junge Unternehmer verstehen lernen.

Du hast dafür eine App entwickelt …
NR:
Ja, so können die Friseure ihren Alltag steuern. Unter anderem gibt es einen Preiskalkulator. Du kannst eingeben, was du netto verdienen willst und aufgrund deiner Arbeitsstunden, Auslastung, Mietkosten, etc. kommt raus, was du in der Stunde einnehmen musst. Mit der Backoffice App kannst du außerdem deinen Stuhl buchen, Produkte bestellen, es gibt Bildmaterial für Marketingzwecke, einen Kummerkasten, …

Wie viel kostet es, einen Stuhl in deinen Stuhlmiete-Salons zu mieten?
NR:
Ganztags belaufen sich die Kosten von 79 bis 90 Euro. Es kommt hier auf die Location an. Wir haben aber weitere Mietmodelle wie stundenweise oder halbtags. Da starten die Kosten bei 58 Euro.

Wie regelt ihr die Themen Öffnungszeiten, Registrierkasse, Lager und Produkte?
NR:
Der Salon ist von 8:00-22:00 Uhr geöffnet und da kann zu den gebuchten Zeiten die Räumlichkeit genutzt werden. In punkto Registrierkasse braucht es teilweise nur mehr eine App, um über das eigene Handy abzukassieren.

Und das funktioniert so einfach?
NR:
Ein Stuhlmieter, der ja eher keine Mitarbeiter hat, macht niemals so viel Umsatz wie ein Salonbetreiber, der ein Kartengerät von der Sparkasse braucht, das monatlich noch Geld kostet. Alle Systeme, die wir empfehlen, sind monatlich kündbar.

Und wie sieht es bei Produkten und Lager aus?
NR
: Ganz unterschiedlich. Alle Friseure entscheiden selbst, welche Produkte sie anbieten. Im Store stellen wir unter anderem die Marken ► Davines, Kevin Murphy und Kérastase zur Verfügung – die Stuhlmieter bekommen hier eine Verkaufsprovision. Genauso können sie über uns Waren zum Einkaufspreis beziehen. Für die eigenen Produkte gibt es einzelne Fächer, je nachdem wie viel Tage die Woche gebucht hat, variiert die Größe.

Du hast in 5 Jahren viel aufgebaut. Was ist noch geplant?
NR:
Es ist alles noch in Kinderschuhen, aber ich möchte unsere Backoffice App digital so weiterentwickeln, dass sie Stuhlmietern in anderen Regionen hilft, sich selbstständig zu machen. Aber auch Stuhlmietbetreiber sollen darüber digitale Unterstützung erhalten.

Meinst du, ist der Bedarf da?
NR:
Ja, ich sehe die Nachfrage unseres Stuhlmiete-Seminars ist. Viele Salonbesitzer mit mehreren Läden merken, wie schwer es geworden ist, Mitarbeiter zu finden, diese fair bezahlen zu können und die Auslastung zu garantieren. Dementsprechend machen sich viele Gedanken darüber, wie man Konzepte so umgestalten kann, dass man nicht mehr abhängig von den Mitarbeitern ist.

Danke, Nico, für deine Zeit und die Einblicke in dein Salonkonzept! Alles Gute für die Zukunft!

Über NICNOA & Co

Nico Rapp ist gelernter Friseur und Gründer des Stuhlmiete-Konzepts NICNOA & Co. Die drei Co-Working Salons für FriseurInnen sowie Beauty Artists sind im Münchner Glockenbachviertel, in der Maxvorstadt sowie am Gärtnerplatz zu finden. Insgesamt stehen 31 Plätze für unterschiedliche Mietoptionen zur Verfügung.

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