Das Gespräch führte Raphaela Kirschnick
imSalon: Ralf, wie kam es zur Entscheidung zu Ellen Wille zu gehen?
Ralf Billharz: Ich bin in mehrfacher Hinsicht zu Ellen Wille gekommen, denn ich kenne das Unternehmen und Frau Wille schon länger. Als ich damals bei P&G die Integration von Wella und dem Dachgeschäft geleitet habe, lernte ich sie kennen, da wir als Haarunternehmen in Schwalbach quasi Nachbarn waren. Dazu kam später, dass im familiären Umfeld Bedarf an Perücken aufkam, Ellen Wille und ihre Mitarbeiter waren uns da sehr hilfreich.
Nachdem ich bei Coty ausgeschieden bin, habe ich begonnen Beratungsmandate für Familienunternehmen im Kosmetik- und Beautybereich anzunehmen. Auch Frau Wille bat mich das Unternehmen zu durchleuchten und zu sehen wie man sich für die Zukunft aufstellen kann. Frau Wille ist eine Gründerin und Unternehmerin ohne Familien-Nachfolger und so kam nach meiner Analyse dann ihr Angebot „Herr Billharz, wollen Sie nicht die Kontinuität im Unternehmen sicherstellen und helfen die Dinge, die Sie als Berater vorgeschlagen haben, umzusetzen?“.
Wie lange hast du Ellen Wille beraten?
RB: Ich war vier Monate im Beratungsprojekt.
Ellen Wille bedient als Unternehmen ein ganz anderes Friseurmarktsegment als Wella und ist auch von der Größe nicht zu vergleichen. Was ist für dich der größte Unterschied?
RB: Das größte Aha-Erlebnis ist, wenn man von einer Konzernstruktur wieder in ein Familienunternehmen kommt. Der Umgang miteinander im Familienunternehmen ist sehr persönlich und emotional, da gibt es Mitarbeiter, die schon sehr lange dabei sind. Die gewachsenen Strukturen sind sehr stark nach Personen ausgerichtet und weniger nach Prozessen, das ist ein signifikanter Unterschied zum Konzern. Die Verantwortungen sind oft nicht so klar geregelt, daher fühlt sich oft jeder für alles verantwortlich. Das vereinfacht die Abläufe nicht immer, dafür schafft es eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen.
"In einem dynamisch wachsenden Markt, muss man Wachstum managen und diesem Strukturen geben"
Was stellt die Herausforderung im wachsenden Familienunternehmen dar?
RB: In einem dynamisch wachsenden Markt, muss man Wachstum managen und diesem Strukturen geben. Es ist natürlich eine ganz andere Aufgabe als Manager Unternehmen in einem wachsenden Markt zu begleiten, als im Konzern in schrumpfenden Märkten sehr stark an Strukturen und Kosten zu arbeiten. Letztendlich geht es natürlich immer darum, das Unternehmen, eine Marke und einen Markt zu entwickeln, und beim großen wie kleinen Unternehmen sind hier die Aufgaben im Grunde gleich.
Personen versus Prozesse! Viele klassische Familienunternehmen sind irgendwann mit der Kritik konfrontiert, dass das Persönliche verlorengeht.
RB: Ja, das ist zwangsläufig, mit Größe brauche ich Strukturen. Aber mit Veränderung der Strukturen, sollte man die Werte nicht verändern, da muss man sehr aufpassen, denn es geht um Unternehmenskultur, die von den Menschen gemacht wurde.
Durch Übernahmen gehen Wertewelten häufig verloren, werden nicht mehr gelebt. Die stehen zwar auf dem Papier, aber die Mitarbeiter wissen oft nicht mehr, was dahintersteckt, sie bekommen es auch nicht mehr vorgelebt.
„Ein ganz großer Wert ist Familie und Loyalität…“
Was sind die Unternehmenswerte bei und von Ellen Wille?
RB: Ein ganz großer Wert ist Familie und Loyalität zwischen Mitarbeitern und der Gründerin. Natürlich aber auch gegenüber dem Kunden, denn für den Kunden wird alles gemacht. Es ist es ein starkes Statement zu sagen „Wir tun alles für den Kunden“.
„…der medizinische Hilfsmittel-Markt wächst, also Perücken aufgrund von Krankheitsfällen“
Ist Zweithaar die neue Chance für Friseure?
RB: Der Zweithaar-Markt ist weltweit ein dynamisch wachsender Markt. Vor allem der medizinische Hilfsmittel-Markt wächst, also Perücken aufgrund von Krankheitsfällen. Aber auch der Modemarkt in vielen Ländern, vor allem durch die USA beeinflusst. Auf Red Carpet-Events tragen Frauen immer öfter Perücken als Accessoire und zeigen dies auch sehr offen. Der dritte Bereich ist der Männermarkt, Haarausfall, Glatzen und kahle Stellen sind in vielen Ländern und Kulturen überhaupt nicht angesagt, vor allem bei jungen Männern. Der Zweithaar-Verkauf ist ein Dienstleistungsgeschäft, das sehr stark wächst und das ist auch eine Chance für Friseure.