Rudi Zötsch´s Erstlingswerk ist kein „Corona-Baby“! Der Grazer Friseur hat nach 4 Jahren seinen Traum verwirklicht und einen Krimi auf den Markt gebracht, obwohl er mit Deutsch „ein bisschen auf Kriegsfuß“ steht. „Löchtenberger und der Uhrturmschatten“ ist ein unterhaltsamer Graz-Krimi mit einem Kommissar ohne (scheinbare) Makel und typischen männlichen Leidenschaften, mit Mord im Kreise der Schönen und einer Liebeserklärung an die Stadt an der Mur...
Im Telefoninterview mit Katja Ottiger
Kompliment, lieber Rudi! Ich mag den Plot deines Buches! Dass Friseure viele Talente haben, ist nichts Neues. Wusstest du, dass du schreiben kannst?
Rudi Zötsch: Dankeschön. Nein, wusste ich nicht. Aber ich wollte immer schon ein Buch schreiben und meine Frau meinte: Tu es!
Warum ein Krimi?
RZ: Beim Geschichten erzählen ist es wichtig, authentisch zu bleiben und einen Krimi zu schreiben, war für mich das einfachste. Schon als Kind habe ich Krimis verschlungen: „Die 5 Freunde“ und die 3 Fragezeichen“, alles von Agatha Christie bis Jules Verne. Ich könnte bestimmt auch einen Liebesroman schreiben, aber der wäre sicher zu zynisch.
„Ein bisschen stehe ich mit Deutsch auf Kriegsfuß.“
Welche Note hattest du im letzten Jahrgang in Deutsch?
RZ: Eine Eins! Ich war inhaltlich gut und in der Rechtschreibung wirklich mies! (lacht) Ein bisschen stehe ich mit Deutsch auf „Kriegsfuß“ und mache viel intuitiv, ich kann keine einzige Grammatikregel erklären! Das Schreiben an sich ist für mich ein Leichtes, meinen Stil habe ich schnell gefunden und für die Rechtschreibung einfach Korrektursoftware verwendet. Schwierig war zu entscheiden, ob ich die alte oder die neue Rechtschreibung verwenden sollte.
„Das ist mein Buch, wer darf mir sagen was ich darf und was nicht?!“
Da kann man wählen?
RZ: Keine Ahnung! Das ist mein Buch, wer darf mir sagen was ich darf und was nicht?!
Was denkst du, würde dein Deutschlehrer zu deinem Buch sagen?
RZ: Im letzten Jahr hatte ich einen ganz coolen Deutschlehrer, einen Freund meiner Mutter, und von ihr weiß ich, dass er begeistert ist.
Dein Buch hat vier Jahre gedauert?
RZ: Ja. September 2017 habe ich begonnen, im Januar 2018 war es fertig: 260 A4 - Seiten. Ich habe immer zu fixen Zeiten geschrieben: Samstagnachmittag; sonntags, Montagvormittag. Dann habe ich es erst einmal liegen lassen und irgendwann meinen zwei längsten Freunden zum Lesen gegeben. Im September 2019 bin ich es angegangen, habe die Website gemacht und eine Lektorin gesucht. Dann ein Jahr lang korrigiert, überlesen, ergänzt und ausgedruckt, zum Schluss waren es 420 Seiten.
„Nebenbei ein Buch zu schreiben, ist anspruchsvoll, aber nicht anstrengend.“
Bist du deinen Kollegen in dieser Zeit auf die Nerven gegangen?
RZ: In unserem Geschäft haben wir mittig einen großen Tisch mit 14 Plätzen und ich habe eine wirklich laute Stimme... Ja, ich glaube, ich war anstrengend! Ich denke, Robert (Gudera, Partner bei Ginger, Anm.) hat nicht geglaubt, dass ich das Buch jemals fertigbringe. Ich hatte immer diese Wellen der Begeisterung und dann die Zeiten, in denen ich das Buch habe liegen lassen. Dazu bekamen meine Frau und ich ein Baby. „Nebenbei“ ein Buch zu schreiben, ist anspruchsvoll, war aber nie anstrengend.
Du hattest die Idee zu einem Krimi, wie bist du es angegangen?
RZ: Zuerst habe ich Namen ausgedacht und die Personen dazu skizziert: Aussehen, Größe, Alter, Gewicht, Stil. Ich habe ihnen Lebensläufe geschrieben und überlegt, ob sie glücklich sind, traurig oder eher verrückt. Dazu habe viel über Schriftsteller gelesen, deren Leben, wie sie arbeiten…
„Viel Blut verliert man, wenn Genitalien abgeschnitten werden.“
Hast du dir Input von der Polizei geholt?
RZ: Ja, ich habe ihnen grundsätzliche Fragen gestellt, anderes wiederum aus Zeitungen und von Wikipedia, z.B. dass Löchtenberger in seiner Funktion „Oberstleutnant“ ist. Ein Freund von mir ist Waffennarr und betonte, dass es wichtig ist, die Waffen richtig zu benutzen. Außerdem habe ich mit Ärzten geredet, um mir vorstellen zu können, wie viel Blut man verliert, wenn Genitalien abgeschnitten werden. Ups, ein Spolier!
Ja, das war blutig, aber wie viele Szenen in deinem Buch, war auch diese mit guter Musik untermalt.
RZ: Ja, Musik ist mir wichtig. Den gesamten Soundtrack gibt es übrigens auf Spotify, sogar die Playlist „Löchtenberger Filmmusik“ - nur für den Fall, dass es verfilmt wird (lacht).
Alle deine Protagonisten sind modeaffin, frisuren- und musikbegeistert.
RZ: Mein persönlicher Fokus liegt immer schon auf Haaren, Mode und schönen Dingen. Ein Mann braucht eine gute Jeans, gute Schuhe, eine gute Uhr und einen guten Haarschnitt – mehr nicht!
„Wenn ein Mann über einen Mann schreibt, hat das viel Wahres, aber es ist ein beschöntes ich.“
Der Kommissar erzählt in First Person, während alle anderen Szenen stets „von oben“ betrachtet werden. Ist Michael Löchtenberger dein Alter Ego?
RZ: Das meinen viele. Ich denke, es gibt Parallelen (lacht). Als ich mit dem Buch angefangen habe, war ich Mitte vierzig, Löchtenberger ist 45. Wenn ein Mann über einen Mann schreibt, hat das viel Wahres, aber es ist ein beschöntes ich. In der Ich-Form zu schreiben, ist in einem Krimi sicher eine Besonderheit, das muss aber nicht heißen, dass immer alles gut ausgeht. Denken wir an die letzte Szene der „Sopranos“. Plötzlich ist alles dunkel - und dann passiert nichts mehr.
Ohne Graz geht in deinem Buch gar nichts, bist du hier geboren?
RZ: Ich bin in Gleisdorf geboren, aber mit 5 Jahren nach Graz zu kommen. Also quasi ja!
… wie Löchtenberger!?
RZ: Ja, eine der Parallelen… Ich habe Authentisches eingebaut. Ich kann auch Löchtenbergers Schmerz über den Verlust seiner Frau nachempfinden, ich habe meine erste Freundin auch durch einen Unfall verloren.
Hast du ständig ein Notizbuch herumgetragen und Szenen skizziert?
RZ: Ich habe tatsächlich ein Notizbuch, aber das liegt am Nachtischkasterl. Für die Szenen in Graz habe ich einen eigenen Stadtplan skizziert, der anfangs auch mit ins Buch sollte. Graz ist meine Stadt, ich bewege mich hier immer im gleichen Radius, immer in den gleichen Lokalen. Wie in einem Bienenschwarm triffst du die Leute dreimal täglich – die Frage ist nur: Was, wenn da mal ein Schlechter Mensch in deinem Lokal drinsitzt?
„Ich bin das wandelende Wikipedia vom Selbstpublishing.“
Wo ist dein Buch verlegt?
RZ: Bei mymorawa Selbstpublishing, weil ich mein Buch selbst auf den Markt bringen wollte. Im letzten Jahr waren ein Drittel aller verlegten Bücher in Deutschland Selbstpublishing! Sogenannte Buchagenten schauen sich diesen Markt genau an und ich hoffe, dass irgendwann jemand auf mich zukommt. Mittlerweile bin ich bin das wandelende Wikipedia vom Selbstpublishing. Mein Buch gibt es als Taschenbuch, gebundene Ausgabe und digitale Version.