Wie unterstützt ihr im Salon diese umfangreichere Ausbildung?
WR: Die Lehrlinge können bei uns eine verlängerte Lehre machen, dadurch haben sie mehr Zeit zum Lernen. In den Trainingseinheiten können sie sich auch bei uns im Friseurcafe hinsetzen und Matura-Aufgaben üben und lernen.
Und den Mathematikunterricht haben die Lehrlinge dann direkt in der Berufsschule?
WR: Genau! Sie haben dort Sonderstunden in den sie das Maturawissen vermittelt bekommen.
Ich kenne nur wenige die Lehre mit Matura anbieten. Woran liegt das?
WR: Ja, sie wird leider von viel zu wenigen Lehrbetrieben angeboten. Ich glaube junge Menschen / Eltern sind darüber schlecht informiert, obwohl viele Medien darüber berichten.
Es scheint, auch viele Salonunternehmer nutzen das nicht.
WR: Gut möglich. Es wird allerdings von der Wirtschaftskammer sehr viel darüber informiert. Zumindest in deren Newslettern…
Wie ist diesbezüglich die Resonanz von Lehrlingen untereinander? Sind Lehrlinge mit Matura Sonderlinge oder werden diese akzeptiert?
WR: Die werden auf der Berufsschule von ihren Mitschülern voll und ganz akzeptiert. Diese hohe Akzeptanz hat mich auch von dem Konzept überzeugt. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten geeignete Lehrlinge zu finden. Seitdem wir die Lehre mit Matura anbieten, habe ich das Gefühl, dass der Anteil an Lehrlingen die wirklich Friseur werden wollen, höher ist. Ich denke durch die zusätzliche Matura und das Auslandspraktikum können wir den motivierten Friseurnachwuchs leichter abholen.
„Sobald der Lehrling Strähnen und färben kann, bekommt dieser monatlich 150€ brutto mehr."
Wie sieht es aus mit dem Gehalt? Verdiene bei euch Lehrlinge anders?
WR: Nein, die Matura hat keinen Einfluss auf das Lehrlingsgehalt. Allerdings belohnen wir zusätzliche Fertigkeiten wie Strähnen oder Färben am Kunden durch Prämien. Sobald der Lehrling Strähnen und Färben kann, bekommt dieser monatlich 150€ brutto mehr.
Nun zum Thema Auslandspraktikum. Wie sieht es damit aus?
WR: Das Praktikum finde ich super. Das müssen Lehrlinge zwar nicht machen, wird aber sehr gerne angenommen. Es dauert in der Regel 3-4 Wochen, kann im ganzen EU-Raum stattfinden und wird über das Erasmusbüro in Wien organisiert.
Oft werden Praktikumsplätze im Süden z.B. in Spanien oder Malta vergeben. Das ist superspannend für unsere Lehrlinge, da sie in diesen Ländern eine ganz andere Atmosphäre, ein ganz anderes Leben und einen neuen Zugang zur Arbeit als Friseur vermittelt bekommen. Aber auch ein Praktikum in Deutschland ist möglich.
In welchem Lehrjahr machen sie das Auslandspraktikum?
WR: Frühestens im zweiten oder im dritten Lehrjahr.
Ist die Voraussetzung für das Praktikum Englisch zu können?
WR: Nein, es gibt gar keine Voraussetzung. Außerdem werden die Praktika von so wenigen genutzt, dass genug Budget vorhanden ist, sodass fast jedes Praktikum bewilligt wird.
Wenn jetzt z.b. ein Lehrling sein Auslandspraktikum in Polen macht, gibt es da Verständigungsprobleme?
WR: Nicht wirklich, denn die meisten können ja doch Englisch. Die Praktikanten aus Ungarn, die bei uns im Salon waren, konnten zwar kein Englisch, es war aber doch sehr lustig. Wir haben uns mit Händen und Füssen verständigt und abschließend haben unsere Lehrlinge mit ihnen einen Wienausflug gemacht und ihnen die Sehenswürdigkeiten gezeigt. Wir haben uns gut ausgetauscht und es hat funktioniert.
Wie viele deiner Lehrlinge machen ein Auslandspraktikum.
WR: Einer pro Jahr. Nächstes Jahr vielleicht auch zwei – weil es letztes Jahr wegen Corona ja nicht möglich war.
„Auslandspraktikum: Lehrlinge kommen mit viel positiver Energie zurück.“
Wie kommen die Lehrlinge von Ihrem Auslandspraktikum zurück? Was nehmen sie mit?
WR: Sie kommen mit viel positiver Energie zurück. Sie haben tausend Geschichten zu erzählen und sind überglücklich über die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Sie waren auch in der Regel das erste Mal allein ohne Eltern unterwegs und haben dementsprechend viel Spaß.
Wie wird die Unterkunft organisiert?
WR: Diese wird vom Erasmusbüro organisiert. Oft ist es eine Privatunterkunft oder eine Jugendherberge.
Habt ihr auch Lehrlinge aus dem Ausland?
WR: Immer wieder, zuletzt aus Ungarn.
Aktuell haben wir zwei Schüler der Modeschule Hallein, die bis Ende August ihr 3-monatiges Pflichtpraktikum absolvieren. Sie erhalten von uns das Lehrlingsgehalt für das dritte Lehrjahr. Ich war sehr erfreut darüber, dass sie überraschenderweise umfangreich ausgebildet sind und ihr Handwerk schon gut verstehen.
Wie viele Lehrlinge übernimmst du nach der Ausbildung?
WR: Ich habe vereinzelt Lehrlinge übernommen aber in der Regel wechseln sie nach der Ausbildung den Salon. Das finde ich auch nachvollziehbar, denn sie wollen auch wissen, wie es in anderen Salon aussieht. Ich glaube, dass es langfristig gut für den Friseur ist, neue Salons kennenzulernen. Ansonsten wäre es ein bisschen so, wie wenn man mit 17 schon heiraten würde. Es ist auch nicht meine oberste Priorität die Lehrlinge zu übernehmen. Wenn aber jemand bleiben möchte, dann immer gerne.
Was wünscht du dir von der Friseurbranche zum Thema Ausbildung? Wo siehst du noch Handlungsbedarf?
WR: Ich wünsche mir ein eine höheres Informationsangebot und eine bessere Förderung der Lehrlingsausbildung. Dort müsste viel mehr gemacht werden denn leider Gottes sind viele Lehrlinge nach ihrer Ausbildung nicht für den Arbeitsmarkt geeignet. Es gibt viele die fertig ausgelernt sind und die Schere nicht richtig halten können. Über dieses Problem habt ihr ja schon öfter berichtet. Das hat zur Folge, dass wir sie dann selbst weiter ausbilden müssen. Wir strecken damit Kosten vor und wenn wir Pech haben können wir die Mitarbeiter nicht halten, dies ist natürlich wirtschaftlich nicht sinnvoll.
Konkret müsste die Seminare und die externen Schulungskosten der Lehrlinge viel besser gefördert werden. Das wäre sicher sinnvoller als einfach nur Lehrlingsförderungen (Geld) zur Verfügung zu stellen, dass dann irgendwo im Betrieb verpufft.
Zum Thema Image des Friseurberufs? Nimmst du hier Veränderungen wahr?
WR: Aktuell aufgrund von Corona wurde dem Beruf wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Viele haben dadurch gemerkt, wie wichtig Friseure sind. Friseure, die früher an ihrem Beruf und dem Image gezweifelt haben, durften wieder mehr Anerkennung erhalten und sind deswegen stolz auf ihren Beruf.