Was sind die Herausforderungen für Arbeitgebende?
EG: Manchmal erwarten Quereinsteigende, dass sie jetzt groß Geld verdienen können. Bei mir würden sie erstmal den Mindestlohn bekommen, weil sie auch keinen Umsatz machen und es wäre unfair den ausgebildeten Mitarbeitenden gegenüber, mehr zu zahlen. Sie müssen erstmal was geben, damit sie später etwas erreichen können.
Und natürlich müssten wir als Ausbilder, genauso wie bei Lehrlingen, die Zeit dafür abknapsen. Da fällt auch unser Umsatz weg, aber wir kriegen damit die Leute schneller an die Arbeit und machen am Ende viel mehr Umsatz. Das löst auch Personalprobleme, wenn Azubis richtig arbeiten können.
Wo siehst du den Unterschied zwischen Quereinsteigern und Lehrlingen?
Emidio Gaudioso: Ich bilde seit 33 Jahren aus und das ist ganz, ganz wichtig, denn der Quereinstieg ersetzt nicht die klassische Ausbildung!
Beim Quereinstieg geht es um Menschen, die unglücklich in einem Beruf sind, die eine neue Chance brauchen. Damit können wir modeaffine Leute abholen, die immer schon mal im Beautybereich etwas machen wollten, aber es – aus welchen Gründen auch immer – nicht geschafft haben.
Es verlieren immer mehr Menschen durch die KI ihre Arbeit – diese Menschen können wir abgreifen und ihnen Möglichkeiten geben. Aber das ersetzt keine Ausbildung!
"Lehrlinge sollen Umsatz machen, nicht putzen!"
Viele Friseure bilden nicht mehr aus – zu viel Aufwand, zu teuer…
EG: Ich habe viele Kollegen, die bilden nicht mehr aus, weil die Lehrlinge angeblich zu teuer sind. Ja klar, natürlich sind sie zu teuer, wenn du sie fürs Putzen verwendest – du musst sie gleich an die Arbeit kriegen, damit sie für dich Farbe oder Styling machen, dann hast du Zeit zu schneiden. Da liegt es an uns Chefs: Wie teile ich ein? Unsere Auszubildenden sollen Umsatz machen, nicht putzen – dafür haben wir eine Putzfrau.
"Es werden nur die überleben, die neue Wege gehen!"
Du arbeitest im Salon mit "Go College" zusammen – wie läuft das?
EG: Momentan können wir es nur für die Auszubildenden nutzen, aber die profitieren sehr. Das System und die Module sind wirklich toll, weil ich sie damit schneller an die Arbeit bekomme. Es gibt einen Leitfaden und ich finde es genial, Neues auszuprobieren!
Auch in der Friseurbranche wird sich die Spreu vom Weizen trennen und es werden nur die überleben, die neue Wege gehen. Man muss den alten Zopf abschneiden, sonst kriegen wir massive Probleme in der Zukunft.
Go College gibt so viele Möglichkeiten, das ist der Wahnsinn – das müssen wir noch viel breiter bekannt machen und rausposaunen, welche Chancen es bietet. Ich habe einige Kunden, die im KFZ-Bereich unheimlich Probleme haben und die sagen, „Mensch, diese Videos, das wär‘ mal was für uns! Es sind so viele Menschen, die gerne an Autos basteln und vielleicht Bock auf einen Quereinstieg hätten!“.
Von wem wünschst du dir mehr Unterstützung?
EG: L’Oréal unterstützt mich sehr, was Marketing betrifft – das ist ja auch ihr Baby. Ich hätte mir mehr Unterstützung von der Agentur für Arbeit erhofft und mehr vermittelte Interessentinnen. Manchmal muss man das Interesse vielleicht erst wecken und könnte den Leuten sagen, das ist jetzt eine Pflichtveranstaltung, da musst du jetzt hin, fertig aus. Arbeitssuchende sind ja da! Die haben bestimmt in ihren Datenbanken Menschen, die unheimlich talentiert sind – die müssen wir abholen!
Aber da bin ich dran – ich bin so ein kleiner Wadenbeißer, ich lass' da nicht locker!