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Credit: Manuela Wilpernig

01.10.2025

„Wenn Friseurdienstleistung ein rares Gut wird, wird die ganze Branche Wertigkeit erleben"

Carolin Camaur hat einen Salon mit 9 Mitarbeitenden und 2 Lehrlingen in Spittal/Drau in Kärnten. Sie spricht mit uns über die Herausforderungen der Branche, Betriebe die nicht ausbilden, EPUs die den Wettbewerb verzerren und wieso man manchmal rigoroser sein müsste.

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Im Gespräch mit Katriina Janhunen

Du warst früher in Wien und bist nun in Kärnten. Wie war der Umstieg von Großstadt auf Land?
Carolin Camaur: In der Stadt hat man mehr kreative Auswahl, die Trends kommen und gehen schneller. Am Land ist das Persönliche gefragt, Menschlichkeit und Herzlichkeit – die Leute kommen zum Teil seit 30 Jahren zu uns. Ich hatte das Glück, den Salon meiner Mutter übernehmen zu dürfen, den es seit 1978 gibt, mit tollem Team und Kundenstock.

„Ausbilden tu ich mir nicht mehr an“ hört man immer wieder. Wie siehst du diese Einstellung?
Ich bin in Spittal an der Drau und Umgebung fast der einzige Betrieb, der noch ausbildet. Man hört immer nur, das ist zu mühsam, das kostet zu viel – aber die positiven Aspekte zählt keiner auf. Mit Lehrling bringt man viel mehr Dienstleistung unter, das ist eine Assistenz, die dir vieles abnehmen kann, während du Umsatz generierst. Ausbilden heißt auch Verantwortung übernehmen.

Diese Verantwortung scheuen viele…
Wenn jemand sich beschwert, dass er keine Mitarbeiter findet, ist meine erste Frage: „Bildest du überhaupt selbst aus?“ Das ist doch der Sinn der Sache: Ausbilden und die Person dann ein paar Jahre zu halten. Wenn man in dem Rad drin bleibt, hat man immer eine Fachkraft, die sogar auf dich, deine Werte und Vorstellungen zugeschneidert ist.

Hat sich der Friseurnachwuchs verändert? Man hört oft, dass Motivation und Ehrgeiz fehlt.
Ich erlebe das manchmal auch. Es wird auch so vorgelebt: Auf Social Media sieht man ständig, wie man schnell und mühelos reich wird. Man sieht aber nicht, was Handwerk und richtiges Arbeiten bedeutet. Bei meinen Mädels wurden zum Glück immer die Arbeitsmoral von Zuhause mitgegeben.

Wie siehst du die Zukunft der Branche mit immer weniger Fachkräften?
Die Fachkräfte werden weniger und bald wird der Zeitpunkt kommen, dass wir laut werden und über unsere Preise diskutieren, die jahrelang schon viel zu niedrig waren. Wenn die Friseurdienstleistung ein rares Gut wird, wird die ganze Branche mehr Wertigkeit erleben.

Apropos Wertigkeit: Sind No-Shows am Land anders als in der Stadt?
Wir stellen überall Flyer auf, dass man 24h vorher absagen soll, damit ein anderer Kunde die Möglichkeit hat, den Termin zu bekommen. Bei uns am Land gibt es auch noch die klassischen Wochenkundinnen. Die älteren Damen fallen halt kurzfristig wegen Kreislaufproblemen aus, die sperre ich nicht. Meine Mitarbeiterinnen wünschen sich aber, dass ich rigoroser wäre.

Viele Friseure haben Angst davor, rigoros zu sein, bei No-Shows wie bei Preisen.
Das haben sich viele Friseure selbst zuzuschreiben. Viele verkaufen ihre Leistung: „Heute werden wir NUR Spitzen schneiden oder NUR dies, NUR das“. Das Wort „nur“ sollte aus den Salons verbannt werden.

Und die Preise?
Viele denken, wir müssten unseren Kunden entgegenkommen, wenn die Summe hoch wird. Ich will meinen Mitarbeiterinnen auch entgegenkommen, damit sie am Ende gut verdienen. Die haben das Können, haben die Zeit und das Material gebraucht und dafür gibt es einen Preis. Und die, die heute noch überlegen, ob sie die Preise anheben können oder nicht, die hätten längst damit anfangen sollen.

Du bist einer der wenigen Ausbildungsbetriebe in deiner Region, wie sind die anderen Salons aufgestellt?
Bei uns in der Gegend gibt es sehr viele kleine Unternehmen, die allein oder zu zweit sind. Mit der Kleinunternehmerregelung führt das aber zu einem verzerrten Wettbewerb. Auch Mobilfriseure sind seit Corona sehr attraktiv geworden – sie müssen keinen Kaffee anbieten, keine Miete zahlen und keine Mehrwertsteuer kassieren. Das führt natürlich zu Missgunst.

Viele Herausforderungen, was wird aus der Friseurbranche?
Wenn die Einstellung ist, dass man sich „das nicht mehr antut“, wenn es immer weniger Gasthäuser, Geschäfte und Räume gibt, wo das Leben pulsiert, wenn Betriebe leer werden, wenn man alles eigenbrötlerisch macht, jeder nur an sich denkt und nicht mehr an gemeinschaftliche Räume - dann wird es eben still werden. 

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