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Credit: Markus Schmidt

06.02.2026

„Wir lassen uns zu viele Kernkompetenzen wegnehmen“

Mandy Bosch-Macri spricht über die Kraft echter Begegnung, warum viele Talente irgendwann stehenbleiben und wieso Friseure ihre Kernkompetenzen verteidigen müssen, bevor andere sie endgültig besetzen…

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Raphaela Kirschnick im Gespräch mit Mandy Bosch-Macri, Friseurunternehmerin von PAM Hairdesign im deutschen Mannheim.

„Wenn wir als Branche zusammenkommen, ist das gigantisch – dann spürt man, was wir für eine Kraft haben.“

Mandy, du sagst: Wenn die Branche zusammenkommt, „spürt man sich“. Was passiert da für dich? Mandy Bosch-Macri: Wenn wir zusammenkommen als Branche, dann ist es gigantisch. Dann spürt man sich und dann spürt man auch, was wir für eine Kraft alle haben. Das Problem ist nur, dass viele sich im Alltag verlieren. Und ich merke in letzter Zeit, dass es immer schwieriger wird, Leute wirklich zu aktivieren – also nicht nur die Akteure, die sowieso immer aktiv sind. Die sind oft sofort dabei. Aber die Branche besteht ja nicht nur aus denen, sondern aus den Friseurinnen und Friseuren am Stuhl. Und genau die zu aktivieren, wird schwerer.

„Community entsteht nicht nebenbei…“

Dabei hört man von allen Seiten: „Wir brauchen wieder Community.“ Was ist die Hürde?
MBM: Ich weiß es selbst manchmal nicht. Manchmal ist es Müdigkeit, manchmal Übersättigung und manchmal auch einfach der Wunsch, wieder ein bisschen an die Hand genommen zu werden. Ich glaube, es geht weniger ums Geld, sondern mehr darum, wieder persönlicher einzuladen und Menschen mitzunehmen. Community entsteht nicht nebenbei, man muss sich heute wieder bewusst verabreden und rausgehen. Genau deshalb machen wir unser Open House unabhängig von Industrie oder Marken – ein Event von Friseuren für Friseure. Wir und viele andere Akteure der Branche kommen zusammen, tauschen uns aus, spüren wieder, warum wir diesen Beruf lieben, und nehmen neue Ideen, Motivation und einfach wieder mehr Freude am Haar mit in den Alltag. Aber das klappt nur, wenn man wirklich kommt und diesen Spirit live erlebt, das kann kein Bildschirm ersetzen.

Ich bin begeistert: Leute aus Lübeck oder Stuttgart ... viele reisen weit, um beim Open House bei euch zu sein.
MBM:
Total und das freut uns richtig. Es ist schön zu sehen, wie viele auch weite Wege auf sich nehmen, um dabei zu sein. Gleichzeitig merken wir, dass man heute öfter selbst den ersten Schritt machen und persönlich einladen muss. Früher kam vieles automatisch über die Industrie, heute nehmen wir das wieder mehr selbst in die Hand und sagen: Kommt vorbei, lasst uns treffen und austauschen. Klar, das kostet Einsatz – aber genau so entsteht echter Austausch. Und es ist einfach stark zu sehen, wie sehr wir Friseure zusammenhalten und Fans voneinander sind. Genau diesen Spirit brauchen wir – und davon dürfen wir in unserer Branche ruhig noch mehr werden.

Ich spüre gerade eine neue Frauenkraft im Markt. Was spürst du?
MBM:
Es sind die Rahmenbedingungen, die Frauen immer noch eine gläserne Decke setzen. Als unabhängige Frau ohne Kind und Kegel kannst du viel erreichen. Aber sobald du dich privat festlegst – Familie, Kind – kann es dir die Füße wegschlagen. Dann brauchst du Selbstbewusstsein und eine klare Vision: Wie will ich mein Leben und meinen Beruf gestalten?

Du meinst diesen Gegenwind – „du kannst nicht immer weg“, „die Kinder…“?
MBM:
Genau. Als Mutter hast du dann oft dieses Gefühl: „Oh Gott, ich müsste eigentlich zu Hause sein.“ Das ist nicht leicht, und umso wichtiger ist es, dass man Müttern sagt: Mach es trotzdem, wir unterstützen dich und stehen hinter dir. Gleichzeitig finde ich es schwierig, wenn Bühne und Anerkennung nur über bestimmte Rollen definiert werden. Klar kann man als Einzelner erfolgreich sein, aber in Wahrheit ist Erfolg meistens Teamarbeit – und zu einem Team gehören Männer und Frauen gleichermaßen. Unsere Branche besteht zu rund 80 % aus Frauen, und deshalb gehören Frauen – mit oder ohne Kinder – genauso ins Rampenlicht. Denn Inspiration und Zeitgeist entstehen auch durch den Blick und die Kreativität weiblicher Hairdresser.

Mandy Bosch-Macri, Raphaela Kirschnick, Pietro Macri | Credit: Markus Schmidt

Du und dein Mann, ihr bekommt das sehr ausgewogen hin. Was ist euch dabei wichtig?
MBM: Ich glaube, in uns allen steckt ein männlicher und ein weiblicher Anteil, und genau die dürfen zusammenwirken. Männer und Frauen bringen unterschiedliche Stärken mit, und als Team können wir genau das nutzen – nicht nur Frauenpower oder Männerpower, sondern echtes Zusammenspiel. Am Ende geht es ums Miteinander.
Und ja, die gläserne Decke gibt es nach wie vor. Viele Talente verlieren nicht ihr Können, sondern irgendwann die Vision – und genau da müssen wir besser darin werden, uns gegenseitig zu stärken.

Und trotzdem sagst du: Viele talentierte Frauen lassen sich irgendwann nicht mehr fördern.
MBM:
Ja, ich glaube, viele verlieren unterwegs ein bisschen die Vision, wo sie eigentlich hinwollen. Gerade wenn Familie dazukommt, fährt man beruflich oft erst mal einen Gang runter – was ja auch völlig okay ist. Aber wenn man für sich merkt, dass man weiterkommen möchte, dann muss man sich irgendwann wieder fragen: Wo will ich hin? Was will ich noch erreichen? Und dann auch dranbleiben. Entwicklung ist anstrengend, aber wenn man merkt, dass man vorankommt, macht das am Ende auch glücklicher und zufriedener.

„Chefs sollten heute weniger „ansagen“ und mehr verstehen.“

Damit sich jemand fördern lässt, braucht es auch Führungskräfte, die fördern. Was ist dein Tipp an Chefs?
MBM:
Gespräche! Das ist heute wichtiger denn je. Früher ging vieles schneller und klarer über Ansagen, heute musst du dir Zeit nehmen, um Mitarbeiter wirklich zu verstehen: Wo liegen ihre Impulse? Was wollen sie? Wo möchten sie hin? Erst dann kannst du sie auch richtig fördern.

Du hast vorhin gesagt: Viele junge Menschen haben Vorstellungen – aber es fehlt die Orientierung.
MBM:
Genau. Wenn ich junge Menschen frage, wie sie das erreichen wollen, spüre ich oft: Da ist Leere. Und das müssen wir als Chefs füllen. Aber nicht, indem wir sagen: „Mach doch das.“ Sie müssen selbst erkennen: „Das ist mein Weg.“

Was sagst du jungen Menschen ganz konkret?
MBM:
Geh los. Nicht nur drüber nachdenken, sondern losgehen. Der Weg ist das Ziel. Viele haben zu viele Varianten – dann wissen sie nicht wohin. Da muss man sagen: Ist doch wurscht, geh los. Du kannst auch später die Bahn wechseln.

„Scrollen kein Ersatz für Messe, Show und echtes Gegenüber.“

Du klingst skeptisch, wenn es um Social Media als „Austausch“ geht.
MBM:
Ja, der Austausch läuft heute bei vielen jungen Leuten über Social Media, und das ist ja auch okay – no front. Aber für mich bleibt es oft eher Konsum als wirklicher Austausch, bei dem nachhaltig etwas hängen bleibt. Ich frage mich manchmal einfach: Wo sind die jungen Leute auf Messen oder Shows? Mich haben diese Begegnungen früher total elektrisiert. Du gehst raus, bist inspiriert und trägst dieses Gefühl noch Wochen mit dir. Dieses Live-Erlebnis, Menschen wirklich zu treffen und Energie mitzunehmen – das bekommst du nicht durch "scrollen" ... und DU HAST DIE WAHL!"

Du hast gesagt: Zehn Prozent heben das Handwerk in die Zukunft. Was meinst du damit?
MBM:
Die Zukunft unseres Handwerks liegt bei den Friseuren und Visionären, die sich durch Qualität, präzises Schneiden, gute Beratung, starke Farbe und echten Anspruch hervorheben. So wie in den fünfziger Jahren Vidal Sassoon mit neuen Schnitttechniken und seinem Education Gedanken die Branche für Jahrzehnte geprägt hat, wird es auch wieder neue Visionäre und Vorbilder geben. Und jeder von uns hat die Wahl zu sagen: „Ich möchte Designer meiner Kunden sein. Ich möchte Farb- und Stilberater sein. Ich möchte der Name in meiner Stadt sein.“ Diese Wahl hat jeder, der den Beruf lernt. Aber viele bleiben irgendwann im Alltag hängen und nutzen ihr Potenzial nicht mehr richtig aus.

Und warum ist das so?
MBM:
Weil Training anstrengend ist. Das ist wie im Sport: Willst du Richtung Olympia oder bleibst du im Hobbyverein? Ich bin überzeugt: Jeder, der Friseur wird, hat ein Fingerspitzengefühl. Was du daraus machst, ist Entscheidung – nicht nur Talent. Und seien wir ehrlich: Wenn der Job irgendwann nur noch Routine wird und Haare einfach abgearbeitet werden, leidet am Ende auch die Qualität.

Was siehst du 2026 in Bewegung?
MBM:
Ich bekomme gerade wieder richtig spannende Bewerbungen im Ausbildungsbereich – sogar Abiturienten, die Friseur lernen wollen. Diese Entwicklung hatten wir in den letzten Jahren kaum. Oft ging es früher erst einmal darum, überhaupt jemanden zu finden. Heute kommen wieder mehr junge Leute, die sich bewusst für den Beruf entscheiden – und das merkt man.

Was heißt das für die Salons?
MBM:
Viele junge Menschen suchen sich heute gezielt Salons aus, in denen wirklich trainiert wird – gute Schnitte, gute Farben, sauberes Handwerk. Es geht weniger um die Größe eines Salons, sondern darum, wo man wirklich etwas lernen und sich entwickeln kann.

Was braucht es, damit wirklich etwas passiert?
MBM: Aufstehen. Losgehen. Lösungen finden. Und wenn eine nicht funktioniert: weitermachen. Unsere Branche ist vielschichtig und selten nur Schwarz-Weiß. Aber wichtig ist, dass wir nicht stehenbleiben.
Auch wenn Verbände für alle da sein müssen, braucht es gleichzeitig den Blick nach vorne – hin zu denen, die vorangehen und neue Maßstäbe setzen. Wenn wir uns daran orientieren, kann das die ganze Branche weiterbringen. Dafür braucht es Mut – und manchmal auch den Mut, nicht im Wohlfühlmodus oder in der Masse stehen zu bleiben, sondern klare, zeitgerechte und mutige Entscheidungen zu treffen.

Zum Jahresbeginn wurde die Friseurbranche in Deutschland in das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz aufgenommen. 
MBM:
Ich habe Respekt davor, dass die Kontrollen jetzt zunehmen. Aber gleichzeitig bin ich dankbar, dass es diese Rahmenbedingungen gibt, weil faire Bedingungen für unsere Branche einfach wichtig sind. So wie es zuletzt lief, war es für viele Salons kaum noch tragbar.

„Wenn wir unsere Kernkompetenzen vernachlässigen, gehen sie uns verloren – und irgendwann macht der Barber die Kurzhaar-Looks.“

Welche Gefahren siehst du?
MBM:
Wir sehen gerade, dass wir manche unserer Kernkompetenzen ein Stück weit aus der Hand geben – und dann entwickeln andere Akteure, wie Nagelstylisten, Visagisten usw., diese Themen weiter. Make-up und Nägel zum Beispiel gehörten früher ganz selbstverständlich zu unserem Angebot im Salon, heute sind das eigene Welten und eigene Branchen geworden. Und auch der Barber-Bereich entwickelt sich stark. Ursprünglich stark im Männerbereich, öffnen sich viele inzwischen auch für Frauen und Kurzhaar-Looks.

Was sind eure Kernkompetenzen?
MBM:
Unsere Kernkompetenzen sind ganz klar: individuelle Beratung, die den Lifestyle unserer Kunden unterstützt, technisch hochwertige und präzise Haarschnitte sowie Farbkonzepte, die wirklich zum Menschen und zum Haarschnitt passen. Ich liebe Balayage, aber Trends wechseln. In den 80ern habe ich am Tag mehrere Dauerwellen gemacht – das war damals der Lifestyle. Und genau das zeigt ja auch unseren Beruf: Man lernt nie aus. Trends kommen und gehen, und irgendwann wird wieder mehr Haarschnitt gefragt sein. Und dafür müssen wir bereit sein. Wenn wir unser Handwerk weiter trainieren und unsere Qualität hochhalten, bleibt das Friseurhandwerk eine prägende Kraft für Stil, Schönheit und Persönlichkeit – egal welcher Trend gerade kommt. Wir können das alles. Wir müssen nur dranbleiben und unser Können selbstbewusst zeigen. Und wir müssen uns klar dafür entscheiden, die Macher dieser Branche zu sein – mit Qualität, Können, Talent, Menschlichkeit und Selbstbewusstsein. So wie Künstler oder Popstars ihre Bühne prägen, prägen wir Friseure unser Handwerk. Genau das ist unsere Rolle – heute und in Zukunft.

Liebe Mandy, vielen Dank für das offene Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

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